Beim Sport wird heute jede Bewegung getrackt. Über den Reiz einer Runde, von der am Ende keine Zahl übrig bleibt.
Das Messgerät in meinem Gym gratuliert mir. Ich stehe barfuss auf zwei Metallplatten, die Hände an den Griffen, und nach einer Minute weiss ich, wie viel magere Muskelmasse ich zugelegt habe, wie es um mein viszerales Fett steht und welchen Punktwert mein Körper insgesamt erreicht. Der Ausdruck ist erstaunlich detailliert, bis auf den rechten Arm genau. Der Garmin am Lenker weiss, wie viele Höhenmeter ich absolviert habe. Die App weiss, wie viele Schritte ich gegangen bin. Am Ende weiss ich ziemlich genau, was ich geleistet habe.
Was ich schon kurz danach nicht mehr weiss: ob es mir gefallen hat, ob es mir gutgetan hat
Lange dachte ich, es liege am Ort. Drinnen die immer gleiche Routine, draussen das Erlebnis. So einfach ist es nicht. Ich war immer beides, im Gym und im Wald, und beides hat seinen Platz. Der Unterschied, den ich über die Jahre gemerkt habe, verläuft woanders: zwischen gemessen und ungemessen.
Inzwischen vermessen wir fast alles. Schlaftiefen, Ruhepuls, verbrannte Kalorien, im Zweifel die Gläser Wein pro Woche. Die Uhr meldet sich, wenn wir zu lange sitze, fürs Meditieren gibt es Minuten, für die Erholung eine Note. Alles summiert sich zu Serien, die im besten Fall nicht abreissen dürfen. Was das mit uns macht, hat die Konsumforscherin Jordan Etkin in sechs Experimenten untersucht. Wer eine Tätigkeit zählt, tut mehr davon, aber sie gefällt ihm weniger. Die Aufmerksamkeit wandert vom Tun zum Ergebnis, und etwas, das Vergnügen war, fühlt sich plötzlich nach Arbeit an. Eine Untersuchung mit Nutzerinnen und Nutzern von Fitnesstrackern beschreibt die Kehrseite: Fehlt dann einmal das vermessende Gerät, sinkt die Motivation, als zähle Bewegung nur, wenn sie aufgezeichnet wird.
Quellen: Etkin 2016. Journal of Consumer Research; Attig und Franke 2019. International Journal of Human-Computer Studies.
Am deutlichsten spüre ich das beim Joggen
Ich hatte nie eine Pulsuhr, und ehrlich gesagt habe ich sie nie verstanden. Für Profis mag sie sinnvoll sein, für Menschen, die ernsthaft an ihren Resultaten arbeiten. Nur kenne ich in meinem Umfeld kaum jemanden, auf den das zutrifft. Wir sind ohnehin den ganzen Tag erreichbar, erfasst und auf Kennzahlen reduziert. Warum sollte ich ausgerechnet beim Laufen auch noch meine Leistung dokumentieren? Ich laufe nach Gefühl, mal schneller, mal langsamer. Die Sportwissenschaft nennt das self-selected pace. Eine Metaanalyse zeigt, dass Menschen Bewegung als angenehmer erleben, wenn sie das Tempo selbst wählen, statt eine Vorgabe abzuarbeiten. Auf die Anstrengung kommt es dabei weniger an als auf das Gefühl, selbst zu entscheiden.
Quelle: Oliveira et al. 2015. Frontiers in Psychology.
Das Vermessen lässt sich problemlos nach draussen tragen
Es gibt Apps, die jeden Waldweg in eine Strecke mit Bestzeit und Rangliste verwandeln, selbst auf dem Bike. Es lag also nie an der Unterscheidung zwischen drinnen und draussen. Die Frage ist nicht, wo ich mich bewege, sondern ob ich die Vermessung zulasse.
Wohin das Ungemessene führen kann, zeigt eine alte Zürcher Erfindung. 1968 wurde am Zürichberg der erste Vita Parcours eröffnet, heute gibt es rund fünfhundert davon im ganzen Land, fast immer im Wald, kostenlos, jederzeit offen, ohne App und ohne Abo. Man läuft ein Stück, macht ein paar Klimmzüge an einem Holzbalken, balanciert über einen Stamm und läuft weiter. Niemand zählt mit, niemand schaut zu. Es ist vielleicht das beste Fitnessangebot, das dieses Land je hervorgebracht hat, und es steht praktisch vor jeder Haustür. Man muss es nur wieder benutzen.
Und ja, draussen ist es oft unbequem. Es regnet, der Boden ist matschig, im Winter friere ich die ersten zehn Minuten. Diese Reibung lässt sich in keine saubere Kurve übersetzen, und vielleicht ist sie gerade deshalb wertvoll. Dass Bewegung in der Natur die Stimmung hebt und Anspannung senkt, ist inzwischen gut belegt, zuletzt in einem grossen Vergleich von Training im Grünen und in Innenräumen. Aber das ist nicht der Grund, warum ich rausgehe.
Quellen: Thompson Coon et al. 2011. Environmental Science & Technology; Liang et al. 2026. Frontiers in Public Health.
Ich werde mich auch künftig ab und zu auf die Metallplatten stellen, aus Neugier, und manchmal will ich wirklich die Zahlen. Aber nicht jede Bewegung muss eine solche werden. Die beste Einheit dieser Woche war die, von der ich nichts weiss, ausser dass ich danach nach Hause kam und etwas erlebt hatte, statt etwas abgearbeitet zu haben.
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