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Die (wissenschaftliche) Beweislage ist klar: Zeit in der Natur wirkt sich positiv auf unser Wohlbefinden aus. Und zwar nicht nur dann, wenn wir abgeschieden auf dem Land leben oder mehrere Tage am Stück fernab jeglicher Zivilisation verbringen. Vielmehr zeigen schon kurze Aufenthalte Wirkung: Ein Spaziergang im Wald, ein kurzer Besuch im Stadtpark, selbst der Blick auf natürliche, unverbaute Umgebung kann reichen, um messbare Effekte auszulösen.

Was lange als intuitive Erfahrung galt, ist inzwischen gut dokumentiert. Naturerfahrungen beeinflussen unsere Emotionen, unser Denken und unser soziales Verhalten. Die eigentliche Frage ist daher nicht länger, ob die Natur uns wirklich gut tut. Sondern warum wir ihr im Alltag oft trotzdem so wenig Raum geben.

Quelle: Rim et al. 2025. Journal of Consumer Psychology. 

Drei Wirkungsbereiche: Was Natur mit uns macht

Aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeiten unterscheiden drei zentrale Wirkungsdimensionen von Naturerfahrungen: affektiven, kognitive und soziale Effekten. Diese Einteilung hilft uns, die Wirkung von Natur differenziert und nachvollziehbar zu beschreiben.

Emotionale Effekte

Am besten belegt sind derzeit die positiven emotionalen Aspekte und deren Wirkung auf unsere Körper. Nach Aufenthalten in natürlichen Umgebungen berichten viele Menschen von stärkeren positiven Gefühlen und weniger Stress. Objektive Messungen bestätigen diese subjektiven Eindrücke: Stresshormone sinken nachweislich, Herzfrequenz und Blutdruck regulieren sich.

Naturerfahrungen scheinen vor allem positive Emotionen zu verstärken, während die Reduktion negativer Gefühle etwas geringer ausfällt. Mit anderen Worten: Natur hebt unsere vorhandene positive Stimmung nochmals deutlich, reduziert allfällige negative Gefühle aber etwas weniger. Zusätzlich belegen Studien eine Reduktion von unangenehmem, anhaltenden Grübeln und stressbezogenem Denken. Vielleicht würde mir eine kurze Jogging-Runde nach einer langen Arbeitswoche besser helfen beim Runterkommen, als das (vermeintlich) wohlverdiente Feierabendbier?

Quellen: McMahan und Estes 2015. The Journal of Positive Psycholog; Bratman et al. 2015. Proceedings of the National Academy of Sciences; Mygind et al. 2021. Environment and Behavior.

Kognitive Effekte

Natur wirkt sich auch positiv auf unsere geistige Leistungsfähigkeit aus. Nach Aufenthalten in natürlichen Umgebungen schneiden Menschen in Tests zu Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit und kognitiver Flexibilität besser ab als nach vergleichbaren Aufenthalten in urbanen Räumen.

Spannend hierbei: Diese Effekte zeigen sich sowohl bei realer Naturerfahrung als auch bei simulierten Formen wie Bildern, Videos oder virtuellen Umgebungen. Reale Natur wirkt stärker, doch auch reduzierte Formen zeigen bereits konsistente Effekte. Bei anhaltendem  Starkregen vor der Haustür tut es zur Not also auch mal eine Doku von Sir David Attenborough.

Wichtig: Alleine durch das Verbringen von mehr Zeit in der Natur werden wir natürlich nicht alle zu Nobelpreisgewinner:innen. Insgesamt zeigt sich vielmehr ein breiter Konsens, dass Naturerfahrungen insbesondere bei Aufgaben mit hohen Anforderungen an Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit leistungsfördernd wirken. 

Quellen: Kaplan und Berman 2010. Perspectives on Psychological Science; Stevenson et al. 2018. Journal of Environmental Psychology; Quelle. Stenfors et al. 2019. Frontiers in Psychology.

Soziale Effekte

Lange weniger beachtet, inzwischen aber gut belegt, sind die sozialen Effekte von Naturkontakt. Menschen zeigen nach Naturerfahrungen mehr Hilfsbereitschaft, stärkere Verbundenheit mit anderen und geringere Aggressionsneigung. 

Studien belegen konkret höhere Spendenbereitschaft, mehr prosoziales Verhalten und ein geringeres Kreisen um das eigene Selbst. Auch das Gefühl von sozialer Verbundenheit steigt. Dies nicht nur gegenüber nahestehenden Personen, sondern gegenüber anderen Menschen generell. Qualitäten, die gerade in Zeiten wie diesen viel Wert sein dürften.

Quellen: Weinstein et al. 2009. Personality and Social Psychology Bulletin; Piff et al. 2015. Journal of Personality and Social Psychology; Kuo und Sullivan 2001. Environment and Behavior; Schertz et al. 2021. npj Urban Sustainability

Die Distanz wächst trotzdem

Trotz dieser Befunde entfernen wir uns als Gesellschaft zunehmend von der Natur. Zahlreiche Studien zeigen seit Jahren eine Abnahme direkter Naturerfahrungen, insbesondere in urban geprägten Kreisen. Der Verlust natürlicher Lebensräume, die fortschreitende Urbanisierung, eingeschränkter Zugang zu Grünflächen und der massive Anstieg bildschirmbasierter Aktivitäten tragen wesentlich dazu bei.

Diese Faktoren erklären jedoch nur einen Teil des Phänomens. Denn selbst dort, wo Natur leicht zugänglich ist wie bei uns in der Schweiz, bleibt sie oft ungenutzt. Der Schritt nach draussen wird von vielen von uns noch so gerne auf später verschoben.

Quelle: Soga et al. 2023. One Earth.

Ein überraschender Grund: Wir schätzen Naturerfahrungen falsch ein

Ein zentraler, oft übersehener Faktor liegt in unserem eigenen Selbstverständnis. Wir Menschen sind schlecht darin vorherzusagen, was uns wirklich gut tut. Die Psychologie spricht von Vorhersagefehlern.

In einer Reihe von Studien zeigte sich, dass Menschen systematisch unterschätzen, wie positiv sich Zeit in der Natur auf ihr Wohlbefinden auswirkt. In einem bekannten Experiment wurden Studierende gebeten, vorab einzuschätzen, wie gut sie sich nach einem Spaziergang, entweder draussen entlang eines Flusses oder in unterirdischen Verbindungsgängen auf dem Campus, fühlen würden.

Das Ergebnis war so eindeutig wie überraschend: Die Teilnehmenden überschätzten den Nutzen der Innenräume und unterschätzten die Wirkung der Natur. Nach dem Spaziergang zeigte sich das Gegenteil ihrer Erwartungen: Die Natur wirkte um ein vielfaches positiver, als Sie angenommen hatten.

Florence Williams beschreibt dieses Phänomen in ihrem wunderbaren Buch The Nature Fix als Folge einer chronischen Entfremdung. Ihre Erkenntnis: Wer Natur selten erlebt, verlernt, ihren Wert korrekt einzuschätzen und meidet sie genau deshalb. Ein Teufelskreis setzt sich in Gange.

Quelle. Williams 2017. The Nature Fix.

Eine persönliche Beobachtung

Diese Verzerrung ist keine abstrakte Theorie. Ich erlebe sie selbst immer wieder. Der innere Widerstand ist auch mir durchaus vertraut: Müdigkeit nach einem langen Tag, omnipräsente Ablenkung im Familienalltag oder einfach das Bedürfnis nach Bequemlichkeit - es gibt immer einen Grund, die Jacke am Haken zu lassen und eben nicht nochmals rauszugehen und eine kurze Runde zu drehen. Gelingt es mir trotzdem, folgt fast jedes Mal folgt dieselbe Erfahrung: Sobald ich draussen bin, verändert sich etwas. Ruhe stellt sich ein, eine Klarheit, Präsenz. Rückblickend wirkt der Widerstand irrational. 

Hier setzt Untamed an. Nicht mit grossen Versprechen, sondern mit einer einfachen Idee. Die positiven Effekte von Natur wieder erlebbar zu machen, diesen "Muskel zu trainieren". Mit regelmässigen Erlebnissen und Inspiration für eigene Abenteuer, leicht zugänglich und direkt in unserer wunderschönen Nachbarschaft. Untamed will dazu beitragen, dass wir die hedonistischen Effekte von Zeit in der Natur nicht nur rational kennen, sondern wieder intuitiv spüren. Damit Natur nicht länger als sporadische Ausnahme oder Luxus wahrgenommen wird, sondern als selbstverständlicher Teil eines guten Lebens.

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